Wie die Ersa GmbH & Co. KG mit einer neuen Schulungsmarke die Grenzen eines Maschinenbauers erweitert
Die Ersa GmbH & Co. KG präsentierte auf der Weltleitmesse Productronica in München neben zahlreichen neuen Maschinen auch ihre neue Schulungsmarke „EDUCATION by kurtz ersa“. Was sich dahinter verbirgt, welche Bedeutungen Schulungen für das Unternehmen haben und wie Kunden davon profitieren werden, darüber haben wir mit Ersa Vertriebsleiter Rainer Krauss gesprochen.
Herr Krauss, eine eigene Schulungsmarke sieht man bei einem mittelständischen Maschinenbauer auch nicht alle Tage. Was können wir uns darunter vorstellen?
Rainer Krauss: „EDUCATION by kurtz ersa“ ist unser Ansatz, die inzwischen sehr zahlreichen Aktivitäten im Umfeld Schulung, Weiterbildung und allgemein Wissensvermittlung zu bündeln. Aber dafür allein hätte es keiner eigenen Marke bedurft. Viel mehr möchten wir uns auch als Anbieter in diesem Umfeld darstellen. Natürlich kennt der Markt uns als Maschinenbauer, aber auch die Rolle als Wissensanbieter wird immer wichtiger. In den letzten Jahren haben wir bereits mehrere tausende Schulungsteilnehmer begrüßt. Das Thema Schulungen hat inzwischen einen vergleichbaren Stellenwert wie eine Produktkategorie. Dem tragen wir mit einer eigenen Schulungsmarke Rechnung.
Aber Sie bieten doch schon lange Schulungen an. Was hat sich jetzt geändert?
Das stimmt. Schulungen sind quasi Teil unserer DNA. Aber die Nachfrage nimmt laufend zu und wird vor allem immer internationaler; Europa drängt massiv und auch der Rest der Welt fordert mehr Wissen.
Ohne Schulungen geht in Zukunft nichts mehr. Die Produkte werden immer komplexer, die Fehlerraten sollen weiterhin sinken und die Belastung des Personals steigt gleichzeitig. Viele Wissensträger gehen in den Ruhestand, wer nachrückt, erhält heutzutage nicht mehr die Zeit, sich so einzuarbeiten wie vor 20 oder 30 Jahren. Eine Person, die eine ganze Linie oder mehrere betreuen muss, ist heute keine Seltenheit. Fluktuation spielte in vielen Ländern schon immer eine große Rolle, aber auch in Mitteleuropa hat sie seit der Pandemie stark zugenommen. Man braucht also gut ausgebildetes Personal, das aber häufig wechselt. Ein Teufelskreis.
Und Ihre Reaktion darauf ist die Schulungsmarke?
Indirekt. Wir bauen das Schulungsangebot derzeit massiv aus, sowohl im Bereich der klassischen Präsenzschulung als auch im eLearning und bei hybriden Lernkonzepten. Daher fühlte es sich richtig an, dem einen neuen eigenständigen Rahmen zu geben. Wenn man alles zusammenrechnet, würden wir wahrscheinlich schon als Bildungsdienstleister durchgehen.
Geben Sie uns mal eine Größenordnung. Wie viele Personen werden im Jahr bei Ihnen geschult?
Wir stehen aktuell bei etwa 160 einzelnen Schulungen pro Jahr mit über 1.000 Teilnehmern. Das teilt sich natürlich ganz unterschiedlich auf. Von der Anzahl sind viele Schulungen die klassischen Bediener- oder Wartungsschulungen, die man bei einem Maschinenbauer erwartet. Das sind normalerweise kleine Gruppen, dafür geht es da intensiv in die Tiefe. Ähnliches gilt für unsere Kurse zum Thema Hand- und Reparaturlöten, die wir im Rahmen des AVLE anbieten. Bei unseren Know-how-Seminaren im Maschinenbereich, die ebenfalls sehr anspruchsvoll sind, sind bis zu 20 Personen möglich und die sind regelmäßig voll. Und dann gibt es vereinzelte Termine wie die Fachtagung „Löten in der Elektronikproduktion“, die letztes Jahr an 100 Teilnehmern gekratzt hat. Also alles dabei.
Das sind beeindruckende Zahlen. Gibt es Hot-Spots? Also bestimmte Branchen oder auch Regionen, die besonders wachsen in dem Umfeld?
Erstaunlicherweise nein. Wir sehen eher eine Entwicklung an breiter Front. In der Vergangenheit waren die Schulungen durchaus stark aus dem DACH-Raum getrieben. Allein weil viele Menschen vor Schulungen zurückschrecken, die nicht in Muttersprache sind. Aber wir sehen zuletzt ein deutlich wachsendes Interesse aus dem europäischen Ausland. Auch global wird das Thema immer größer. In Nordamerika laufen die Seminare schon länger erfolgreich und auch in Asien finden immer mehr Schulungen statt.
Indien, als Beispiel, ist ein Markt mit einer enormen Dynamik. Dort ist es eine Herausforderung, Personal so schnell zu qualifizieren, wie die Produktionen wachsen. Branchenseitig ist in unseren Schulungen eigentlich alles vertreten. In Hochzuverlässigkeitsbereichen wie Automotive oder Aerospace sind vor allem gültige Zertifikate ein wichtiges Argument, da der Qualifikationsnachweis der Mitarbeiter erleichtert wird. Andere Branchen steigern aktuell die Stückzahlen deutlich. Dort sind viele Firmen entweder mit neuen Prozessen oder Personal konfrontiert und benötigen dementsprechend Schulungen.
Sie haben den AVLE angesprochen. Was steckt dahinter?
AVLE steht für Ausbildungsverbund Löttechnik Elektronik. Das ist ein Zusammenschluss mehrerer Unternehmen, die es leid waren, dass keine Qualifizierung für das Handlöten verfügbar war. Wir sind Gründungsmitglied und können sagen, dass der damit eingeführte Lötführerschein eine absolute Erfolgsstory ist. Die vier AVLE-Module gehören zu unseren beliebtesten Schulungen, fast jede Woche findet in dem Rahmen etwas statt. Da kommen Menschen aus der Elektronikfertigung, aber auch von Reparaturcafés, von Behörden oder Privatpersonen. Die Kurse beinhalten immer einen Theorie- und Praxisteil, man lernt also wirklich das Handlöten von der Pike auf.
Lötführerschein impliziert eine Prüfung, richtig?
Genau. Die Leistungen müssen überprüft werden, sonst wird der Nutzen einer Schulung schnell hinterfragt. Dieser Aspekt hat bei uns hohen Stellenwert, jedes Zertifikat muss mittels einer Prüfung erworben werden. Das erhöht die Wertigkeit und ist Teil der Erfolgsgeschichte unserer Schulungen. Beim AVLE oder unseren Know-how-Seminaren sind die Prüfungen schon lange etabliert. Aber auch bei Inhouse-Seminaren oder kundenspezifischen Technologietagen wird es immer häufiger verlangt. Die Prüfung ist die Basis eines vertrauenswürdigen Zertifikats. Nehmen wir als Beispiel den TÜV, der automatisch als Marke jedem Dokument Glaubwürdigkeit verleiht.
Interessanter Aspekt. Ein vertrauenswürdiges Zertifikat ist also enorm wichtig?
Auf jeden Fall. Wir werden bereits jetzt als sehr starke Marke in diesem Bereich wahrgenommen und werden dieses Vertrauen auf „EDUCATION by kurtz ersa“ übertragen. Dieses Vertrauen haben wir uns hart erarbeitet und das ist sicher auch eine Ursache des starken Wachstums bei den Schulungen.
Ein Beispiel: Wir hatten vor einigen Monaten erfahrene Spezialisten einer unserer europäischen Vertretungen in einem Know-how-Seminar. Die verfügen schon über großes Wissen. Aber die erzählten, dass sie bei ihren Kollegen sehen, wie viel weniger Diskussionen sie führen müssen, wenn sie ein entsprechendes Zertifikat vorweisen können. Am Ende ist das für diese Personen also auch eine Arbeitserleichterung. Und das basiert auf dem Vertrauen in unsere Schulungen.
Reden wir über das weitere Angebot. Was decken die Know-how-Seminare ab?
Das ist der Sammelbegriff für unsere Prozessschulungen, vielleicht die Speerspitze des Schulungsangebots. Da geht es richtig in die Tiefe und bringt die Teilnehmer auf Spezialisten-Niveau. Wir bieten Know-how-Seminare für Wellen- und Selektivlöten, Schablonendruck und Reflowlöten. Das sind Ein- oder Zweitagesschulungen, immer als Mischung aus Theorie und Praxis. Dafür haben wir feste Trainer, die alle Experten auf ihrem Fachgebiet sind. Die Seminare sind alle herstellerneutral, das Wissen lässt sich also auf jeder entsprechenden Anlage anwenden. Das ist ein wichtiger Aspekt, weil die Zielgruppe der Schulungen größer wird. Wir haben dort viele Teilnehmer, die keine entsprechenden Ersa Anlagen haben. Und die uns trotzdem bestätigen, dass ihnen das Wissen in der Praxis enorm weiterhilft.
Gibt es die Seminare nur auf Deutsch?
Nein, wir bieten direkt in Wertheim jedes Jahr auch englischsprachige Kurse an, die vor allem aus dem europäischen Ausland gebucht werden. Da wächst das Interesse von Jahr zu Jahr spürbar. Deswegen wird es zukünftig auch ein Know-how-Seminar zum Thema Handlöten und Rework für unsere internationalen Kunden geben. Das ist angesichts der Entwicklung in diesem Umfeld fast überfällig. Rework erlebt derzeit so eine Dynamik, die Baugruppen und Bauteile werden immer teurer, da kommt es schon darauf an, dass man weiß, was man tut.
Darüber hinaus bieten wir regelmäßig Seminare in verschiedenen Ländern an. Je nach Land organisieren wir das selbst oder mit unseren Partnern vor Ort.
Das sind aber alles Präsenz-Schulungen. Sie erwähnten auch Online-Konzepte?
Es sind die digitalen Angebote, die sich am schnellsten entwickeln. Wir haben unsere eLearning-Plattform in 2024 gestartet, als erster Anbieter im Umfeld der Löttechnik. Der Fokus lag zu Beginn auf Service-Themen, in den vergangenen Monaten sind aber auch Prozesskurse zum Wellen-/Selektivlöten sowie Reflowlöten dazugekommen. Den Service-Bereich im eLearning haben wir inzwischen bereits stark erweitert mit neuen Maschinen und einer Serie von Troubleshooting-Anleitungen inklusive Videos. Das wird aktuell sehr gut angenommen. Die Inhalte sind sowohl deutsch als auch englisch verfügbar.
Steht das eLearning dann in Konkurrenz zu den bisherigen Angeboten? Und was hat es mit dem Hybrid Learning auf sich?
Aus unserer Sicht ist die digitale Variante keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung. Es gibt Dinge, die man nie online schulen können wird, wo der Kunde etwas sehen und berühren muss, ein Gefühl entwickelt. Auch sind wir davon überzeugt, dass ein leibhaftiger Referent im Raum anders wahrgenommen wird als ein Avatar oder auch ein Webinar. Deswegen passen wir unseren Präsentationstil in diesen Formaten auch entsprechend an. Das eLearning kann aber Zielgruppen enorm erweitern. Es hilft uns, Wissen noch viel breiter verteilen zu können. Die Einstiegsschwelle ist einfach niedriger durch geringere Kosten, keine Reisen und volle zeitliche Flexibilität.
Wir sehen, dass beide Bereiche wachsen. Das eLearning steigert seine Nutzerzahlen rasant, gleichzeitig hatten wir im vergangenen Jahr auch eine stark erhöhte Nachfrage nach Inhouse-Seminaren beim Kunden vor Ort. Hybrid Learning ist eigentlich die Kombination der Vorteile. Einen Teil der Inhalte vermittelt man online, ein Teil wird bei einer Präsenzschulung vermittelt, die dafür vielleicht kürzer ausfallen kann. Das nutzen wir derzeit schon für die Vor- und Nachbereitung unserer Know-how-Seminare und kriegen sehr gutes Feedback. Deshalb soll es zukünftig noch mehr solche Angebote geben.
Ganz schön vielfältiges Angebot. Der Schritt zur Schulungsmarke ist damit verständlich.
Das war noch nicht einmal alles. Der Service-Bereich baut seine Schulungen laufend aus für Bediener-, Programmier- und Wartungsschulungen. Sogenannte Inhouse-Seminare, also Know-how-Seminare beim Kunden vor Ort, werden immer beliebter.
Im Stil der Know-how-Seminare bieten wir auch noch kundenindividuelle Technologietage an. Dabei wird dann aus unseren vorhandenen Themenblöcken ein Paket speziell auf die Anforderungen eines Kunden zugeschnitten. Das kann in Richtung Zuverlässigkeit oder PCB-Design gehen oder angepasst auf besondere Zielgruppen. Und natürlich sind wir ständig dabei, neue Themen zu entwickeln, um Markttrends oder technologische Entwicklungen aufzugreifen.
Eine letzte Frage hätte ich noch: Wie schätzen Sie die Entwicklungen bei den KI-Modellen ein? Wie wird das aus Ihrer Sicht das Thema Schulungen beeinflussen?
Das ist eine sehr spannende Frage, die bei uns auch schon diskutiert wurde. Es geht um die Vision, dass die KI alle Probleme direkt löst und das Wissen der Mitarbeiter in den Hintergrund tritt. Die öffentlichen KI-Modelle sind nach unserer aktuellen Einschätzung noch recht weit davon entfernt, eine echte Hilfe im Umfeld des Lötens zu sein. Dafür fehlen wohl die Lerndaten und auch die Fähigkeiten, neue Zusammenhänge zu bilden, hier hinkt KI einem menschlichen Mitarbeiter noch weit hinterher. Aber die Bedeutung wird in Zukunft zunehmen und wir beschäftigen uns an vielen Fronten mit KI. Früher oder später wird es sicherlich auch gute KI-Lösungen im Bereich des Lötens geben. Aber bis dahin ist gut qualifiziertes Personal immer noch die beste Lösung für Erfolg.
Herr Krauss, herzlichen Dank für das interessante Gespräch!
Ihr Kontakt
Rainer Krauss
Gesamtvertriebsleiter






